Let’s talk about sex! Sexuelle Gewaltphantasien nach Vergewaltigung belasten mein Sexualleben

Von 2011 bis 2014 war ich in einer Beziehung in der ich häusliche und letztlich auch sexuelle Gewalt erlebt habe. Im Rahmen der anschließenden Psychotherapie konnte ich mich mit Hilfe von Affektbrücken an frühkindliche Gewalterfahrungen erinnern, die ich bis zu diesem Zeitpunkt verdrängt hatte. In anschließenden Gesprächen mit Augenzeugen konnte ich diese auch verifizieren.

Die sexuelle Gewalt, die ich vor 2 Jahren erfuhr, war jedoch die Gewalterfahrung mit den heftigsten Auswirkungen, die ich erinnere. Neben vielen psychosomatischen Folgen, stelle ich selbst jetzt 2 Jahre später noch starke Veränderungen an meiner eigenen Sexualität fest. Direkt nach der erlebten sexuellen Gewalt ekelte ich mich zu nächst stark vor mir selbst und vor allem vor meinem Geschlechtsteil. Außerdem entwickelte ich eine panische Angst vor Frauen, aber auch vor intimen Kontakten. Einen Teil dieser Angst konnte ich glücklicherweise noch in der Psychiatrie abbauen.

Seit 2 Jahren und auch noch aktuell habe ich jedoch sehr starke und immer stärker werdende Gewaltphantasien (gegen mich), auf die ich im nächsten Absatz weiter eingehen möchte. Bereits während der häuslichen Gewalt, war meine Sexualität oft gestört in dem Sinne, dass ich kaum noch Lust auf Sex hatte und auch mehr oder weniger unter Potenzproblemen litt. Außerdem zogen mich, seit ich in der Jugend meine Sexualität entdeckte, BDSM (Sado Masochismus) Praktiken stark an. Schnell stellte ich fest, dass mich daran vor allem die devote Rolle in dem Teilaspekt D/S (Dominance and Submission) interessierte. Ich hatte diese Phantasien und Wünsche nie stark hinterfragt, da ich mich bereits als Jugendlicher im Forum der Seite des gemeinnützigen Vereins SMJG informierte und dort immer gesagt wurde, dass es normal ist, wenn man solche Phantasien hat. Aber auch wenn man sie nicht hat. Mittlerweile glaube ich jedoch, dass meine Vorlieben für SM etwas mit meinen frühkindlichen Gewalterfahrungen zu tun haben. Jedoch werde ich das nie sicher sagen können.

Nachdem ich vor 2 Jahren sexuelle Gewalt erlebt hatte, brach (unter anderem) meine (sexuelle) Welt zusammen.

Ich konnte mir kategorisch nicht vorstellen, noch ein Mal etwas im SM-Bereich auszuleben. 10 Jahre Sexualität, in der ich einiges gelernt hatte und in der ich mich wohl fühlte waren wie verpufft und weg. Gleichzeitig, stellte ich fest, dass der Reiz nach SM in meinen Phantasien immer größer wurde. Mit meiner aktuellen Freundin diskutierten wir viel über Konsens, Grenzen und meine Artikel zum Thema gewaltfreier konsensualer Sex und ich traute mich mit ihr wieder an SM-Praktiken heran. Das war ein großer Schritt für mich. Ständig war ich dabei in einer Mischung zwischen gewohntem, vertrautem und befriedigendem auf der einen Seite, aber auch Panik, Angst, Scham, Erinnerungen und Gefühlschaos auf der anderen Seite. Nicht selten mussten wir unser Spiel unterbrechen, weil ich in Flashbacks gefallen bin. Mein Therapeut, mit dem ich auch über diese Problematik sprach versicherte mir, dass es ok ist diese Flashbacks zu haben und dass diese einfach eine weitere Facette des Lebens und meiner Sexualität sind. Ich sollte doch einfach auch diese mit meiner Freundin teilen und so eine intime Begegnung auf einer anderen Ebene haben.

Während in den ersten 10 Jahren meiner Sexualität und meiner SM-Erfahrungen meine Grenzen im SM immer später anfingen, passierte jetzt allerdings etwas spannendes.
Ich stellte fest, dass meine Grenzen im SM je weiter meine Therapie ging immer früher starteten. Eigentlich kann ich meine devoten oder masochistischen Phantasien zur Zeit nicht mehr ausleben, denn sobald wirklich Aktion passieren soll, steige ich mittlerweile direkt aus und wir müssen abbrechen. Entweder bekomme ich Panik oder mein Selbstwert sagt, dass ich keine Gewalt erleben möchte, selbst wenn sie meinen harmloseren Phantasien entspricht. An und für sich wäre eine derartige Entwicklung ok für mich. Dann hätten meine Freundin und ich einfach normalen Blümchensex – wie Sadomasochisten das zu nennen pflegen – und ich hätte meinen SM-Fetisch einfach hinter mir gelassen. Leider stehen diesem Schritt meine zunehmend brutaler werdenden (sexuellen) Gewaltphantasien mir selbst gegenüber im Weg. Sobald ich mich selbst befriedige stelle ich mir starke Gewalt und Konsensbrüche gegen mich vor. Diese werden zunehmend brutaler und haben mittlerweile eine Grenze überschritten, die weit über alles hinaus geht was ich bislang in der SM-Community auf Parties erlebt, gehört oder gesehen habe und beinhalten in der Phantasie auch, dass meine Freundin mir irreversible körperliche Schäden zufügt. Diese Phantasien gehen so weit, dass ich sicher sagen kann, dass ich sie niemals erleben oder ausprobieren möchte. Dennoch sind sie bei der Selbstbefriedigung omnipräsent. Ich kann mich auch kaum noch anderweitig in Stimmung bringen und das stellt ein Problem für mich dar. Ich habe Angst vor mir selbst und vor meinen Phantasien.

Das Problem ist so stark, dass meine Freundin und ich deswegen mittlerweile defakto keinen Sex mehr haben. Sie sagt mir zwar, dass das für sie zur Zeit ok ist, aber ich fühle mich schlecht, denn der sexuelle Rückzug geht eindeutig von mir aus und hängt auch mit der Diskrepanz zwischen meinen Phantasien und dem was ich reell erleben möchte und kann zusammen. Es hängt aber auch damit zusammen, dass ich gemeinschaftlichen Sex mittlerweile sowieso kaum noch mag. Ich kann mich selbst bei Blümchensex nicht richtig fallen lassen, habe Stress und Panikattacken und komme entsprechend kaum in Stimmung. Ich habe konstant Sorgen, es könnte etwas schlimmes passieren, so dass ich mittlerweile sagen kann, dass ich am liebsten Sex mit mir selbst habe. Das obwohl dieser von diesen seltsamen Phantasien überdeckt ist, die ich eigentlich auch nicht mehr möchte.

Ich bin frustriert über diese Entwicklung. Ich möchte einfach nur eine normale Beziehung haben, in der Sexualität ein Teil davon ist. Ich möchte keine Angst vor meinen Phantasien, mir selbst oder meiner Freundin oder potentiellen Sexualpartnerinnen haben müssen. Ob es jemals wieder normal wird und ob ich da aktiv gegen steuern kann? Keine Ahnung. Meine Sexualität hat sich in den letzten 2 Jahren stark verändert und ich hoffe, dass die Veränderungen – sehr gerne auch in eine andere Richtung – weiter gehen. Wenn jemand Ideen hat, wie ich hier aktiv Einfluss nehmen kann und meine Sexualität und vor allem meine Phantasien steuern und beeinflussen kann, dann bin ich sehr offen für Anregungen und Ideen.

Erste Hilfe für Gewaltopfer von häuslicher Gewalt, Mobbing oder Vergewaltigung

Dieser Artikel ist mein Versuch dir zu helfen bzw. Hilfestellung zu geben, wenn du vergewaltigt wurdest, häusliche Gewalt erfahren hast oder gemobbt wurdest. Ich kann dir nicht versprechen dass es bei dir klappt. Ich kann dir aber sagen, dass ich das Hilfsangebot von diesem Blogartikel vor 2 Jahren nicht hatte und es mir damals geholfen hätte.

Wenn du sexuelle oder häusliche Gewalt erlebt hast oder gemobbt wurdest, wird es dir vermutlich genauso gehen, wie vielen anderen Menschen, die so etwas schreckliches erleben mussten. Du wirst vielleicht sprachlos sein, abstumpfen oder dich hilflos fühlen. Ich fühlte mich damals richtig hilflos und habe mich geschämt und ich habe von einigen anderen Opfern gehört und gelesen, dass es Ihnen ähnlich geht.

Genau diese erlebte Hilflosigkeit ist ein großes Problem, denn je hilfloser du dich fühlst, um so weniger wird es dir möglich sein, Hilfe einzufordern oder zu suchen. Das führt natürlich dazu, dass die Hilflosigkeit größer wird. 

Falls du in einer solchen Situation bist, möchte ich dir hiermit helfen. Leider kann ich dir nur einen Teil deiner Last abnehmen. Ich kann dein Problem nicht lösen und du wirst auch wenn ich dich an die Hand nehme noch eigenen Mut benötigen, meine Hilfe anzunehmen. Mut, der dir vielleicht jetzt gerade fehlt. Ein Teufelskreis, in dem ich auch einst steckte. Ich kann dir nur versprechen, dass es sich lohnen wird, diesen Mut aufzubringen. Ich vermute, dass es dir schwierig fallen wird mir zu vertrauen und das zu glauben, dass so eine Chance auf Hilfe besteht.

Ich habe einen Brief geschrieben, den du hier als PDF Datei herunter laden und ausdrucken kannst. Mit diesem Brief kannst du zu einem Arzt gehen. Du musst den Brief nicht mal selbst lesen. Es steht nicht drin, dass du sexuelle oder häusliche Gewalt erfahren hast. Es steht aber drin, dass du Hilfe brauchst weil du schlimme Erlebnisse hattest und es aktuell nicht schaffst über deine Probleme zu sprechen. Es steht auch drin, dass du dich hilflos fühlst. Ich habe den Brief auch hier noch mal abgedruckt, falls du ihn Lesen magst und nicht die Katze im Sack kaufen willst. Gerne kannst du den Brief auch modifizieren und an deine Bedürfnisse anpassen. Du kannst auch einzelne Aussagen durchstreichen, wenn sie nicht auf dich zutreffen sollten.

Wenn du nicht selbst betroffen bist, aber jemanden kennst der betroffen sein könnte, dann zeig der Person doch ein Mal diesen Brief. Wenn dir das zu intim ist, kannst du den Brief auch ausdrucken und der Person in den Briefkasten werfen. Sei mutig und zeige Zivilcourage für deine Mitmenschen. Es könnte sein, dass sie es dir ewig danken werden.

Sehr geehrter Mensch im Gesundheitswesen,

Ich benötige dringend Hilfe und wende mich in meiner Not an Sie, weil ich gehört habe und darauf vertraue, dass Sie Hilfe für mich in die Wege leiten können.

Ich habe in der Vergangenheit zwischenmenschliche Erfahrungen gemacht, die mich aktuell hilflos und traurig machen. Allerdings schäme ich mich sehr stark, so dass es mir aktuell noch zu schwer fällt, direkt über meine Probleme zu sprechen oder diese auf zu schreiben. Für mich sind diese so überwältigend, dass ich mich nicht mehr mitteilen kann.

Im Internet bin ich auf eine Person gestoßen, die ähnliches wie ich erlebt hat und die im Gesundheitswesen durch Psychotherapie Hilfe erfahren konnte. Dieser Mensch hat diesen Brief geschrieben, den ich ausgedruckt habe und zu Ihnen bringe.

Bitte nehmen Sie meinen Hilferuf ernst und schicken Sie mich nicht einfach nach Hause. Es hat mich so viel Überwindung, Mut und Kraft gekostet überhaupt bis zu Ihnen zu gehen. Eine Zurückweisung in der jetzigen Situation wäre für mich schrecklich. Bitte helfen Sie mir weiter und nehmen Sie mein Problem wahr, denn ich fühle mich so schwach und hilflos, dass ich es alleine nicht schaffe. Ich habe Angst.

Vielen Dank

Den Text als PDF zum Ausdrucken runterladen: http://gewalt.rene-pickhardt.de/wp-content/uploads/2016/08/HilferufFuerGewaltOpfer.pdf

Ich bin auf die Idee für diesen Brief gekommen, weil gestern jemand unter meinem Youtube Video in dem ich über meine Gewalterfahrungen gesprochen habe, gefragt hatte, wie ich es schaffen konnte darüber zu sprechen und dann sagte, dass selbst aufschreiben zu viel sei. Mich hatte das den ganzen Nachmittag nervös gemacht und irgendwann kam mir die Idee, dieser Person aber auch allen anderen Opfern mit Hilfe dieses Briefes zu helfen. Die Aussage der Person hat mich auch an meine Hilflosigkeit von damals erinnert und einen ziemlich starken Flashback in mir ausgelöst, darüber habe ich auch noch ein Youtube Video aufgenommen welches in kürze auf dem Kanal von Miri und mir erscheinen wird.

Ansonsten bleibt mir nur eins zu sagen: Den Brief zu teilen ist ein kleiner Klick für dich, aber ein großer Klick für jedes Opfer von Gewalt, dass es durch diesen Artikel vielleicht schafft, echte Hilfe zu erfahren. Ich kann nicht jedem persönlich diese Infos geben, aber wenn wir die Informationen gemeinsam verbreiten, zeigen wir Opfern auch, dass es hilfsbereite Menschen in unserer Gesellschaft gibt!

 

Warum das Konsensprinzip so wichtig ist und wie es juristisch funktionieren kann.

Ich wurde vor kurzem eingeladen eine Diskussion für die Kolumnisten mit Arne Hoffmann – einem der führenden Männerrechtsaktivisten – zu führen. Während wir uns im zweiten Teil der Diskussion einig waren, in dem Arne wie ich fordern, dass männliche Opfer gesellschaftlich anerkannt werden sollen, waren wir uns bei der Frage nach dem Konsensprinzip überhaupt nicht einig. Ich wurde in diese Diskussion eingeladen, weil ich als Opfer sexueller (und häuslicher) Gewalt zu einem starken Verfechter des Konsensprinzips geworden bin und Arne dieses ablehnt.

In dieser Diskussion habe ich in jede meiner Antworten mehrere Stunden Zeit für Recherchen investiert und noch ein Mal viel besser verstanden, warum ein Verstoß gegen das Konsensprinzip als Grundlage zur gesetzlichen Definition von Vergewaltigung so wichtig wäre. Mir wurde viel klarer als je zu vor, warum die Meinung von Arne so gefährlich ist. Leider teilen in meiner Wahrnehmung eine überwiegende Anzahl an Männern und – wie ich kürzlich feststelle – auch einigen Frauen Arnes Ansichten. Deshalb mag ich hier noch ein Mal ausführlich darüber schreiben.

Es läuft bei dieser Frage auf ein philosophisches Problem hinaus. Wie kann ich sicher sein, dass ein andere Mensch und ich den gleichen Wunsch haben und ab wann kann ich von Einvernehmlichkeit sprechen? Zunächst aber eine Zusammenfassung der Debatte und etwas gesellschaftlicher Kontext. In Arnes erster Antwort pflichtete er mir bei, dass Sex einvernehmlich statt finden solle. Auf mehrfaches Nachfragen konnte er mir jedoch einfach nicht erklären, wie er ohne das Konsensprinzip sicherstellen kann, ob der Geschlechtsakt einvernehmlich statt findet oder nicht? Arne verweist auf viele Studien und Meinungen von Menschen mit irgendwelchen akademischen Titeln, die belegen, dass es ja zur erotischen Verführung gehören würde ein NEIN zu übergehen. Er definiert dabei Konsens als das Ausbleiben von Gegenwehr. So ist auch in der noch aktuellen Gesetzgebung der Begriff „Vergewaltigung“ definiert. Dass dies nicht mehr zeitgemäß und vor Gericht schwierig zu beweisen ist zeigt die öffentliche Debatte und der Trend die Gesetzgebung im sexualstrafrecht dahingehend zu verändern, dass ein NEIN endlich als NEIN gelten soll. Im Falle eines ignorierten NEINS wäre bereits von einer Vergewaltigung zu sprechen. Diese geplante Gesetzgebung wird aber gerade von Juristen scharf kritisiert, da die Beweisbarkeit vor Gericht zum Problem wird, bzw. ein Problem bleibt.

Menschen wie ich schlagen vor, Sex unter Verbot zu stellen, es sei denn alle beteiligten Personen willigen explizit ein. Dabei geht es nicht darum, wiederwillig das Wort JA zu hören, wie manch ein Gegner des Prinzips fälschlicherweise zu glauben scheint. Nein es geht einfach um das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, Freiheit, Würde und Zustimmung aus freien Stücken.

Dabei ist eine Gesetzliche Erweiterung des Vergewaltigungsparagraphen übrigens nicht nur wünschenswert und notwendig, sondern sie ist auch auf Grund des 1. Artikels in unserem Grundgesetzes ein moralischer Imperativ:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Eine Reglung, die Gewalt beinhaltet hat meiner Meinung nach mit Würde nicht viel zu tun.

Wie kann das nun funktionieren? Oft lese ich von Kritikern, dass der folgende Dialog jegliche Erotik aus dem Spiel nimmt. Ich habe mich hier mal an das Klischee des aktiven Manns gehalten. Der Dialog hätte auch mit umgekehrter Rollenverteilung statt finden können:

Mann: „Darf ich dich anfassen?“
Frau: „Ja“
Mann: „Darf ich dich küssen “
Frau: „Ja“
Mann: „Darf ich dich ausziehen? “
Frau: „Ja“
Mann: „Darf ich deinen Busen küssen? “
Frau: „Ja“
Mann: „Darf ich in dich eindringen? “
Frau: „Ja“

Auch wenn der Dialog ein Einvernehmen symbolisiert, wirkt er auch auf mich nicht sonderlich spannend sondern in der Tat mechanisch. Auch das Einvernehmen könnten wir in Frage stellen, denn vielleicht hat sich die Frau einfach verpflichtet oder gedrängt gefühlt immer JA zu sagen. Wie könnte es nun auf eine erregende Art und Weise funktionieren?

Bleiben wir der Einfachheit haltbar mal bei der Rolle des aktiven Mannes (wobei das auch eine starke Annahme ist, die in Frage zu stellen wäre) und fangen wir mit einer Ich-Botschaft an:

Mann: „Ich genieße unser Gespräch und die Zeit mit dir und fühle mich sehr zu dir hingezogen. Ich bin neugierig, was du empfindest!“
Frau: „Mir geht es ganz ähnlich, die Zeit mit dir ist anregend und und vergeht wie im Fluge! In deiner Nähe fühle ich mich sehr wohl!“

Mann: „Ja die Nähe zu dir finde ich echt toll und würde das gerne auch körperlich zum Ausdruck bringen. Berührungen sind ja eine weitere Sinnerfahrung. Für mich wäre es ok, mich dir zu öffnen und noch mehr Nähe zuzulassen.

Frau zeigt dem Mann entweder durch eine Berührung ihre Zustimmung oder sagt etwas wie: „Ja ich bin neugierig und voll Vorfreude! Streichle mich doch, wenn du möchtest“.

Mann: „Hmmm, das ist intensiv für mich und fühlt sich sehr vertraut und schön an!“

Frau: „Oh ja für mich auch! Wunderbar.“

Mann: „Von mir aus können wir gerne etwas intimer werden!“

Frau: „Du kannst ja mal probieren mich zu küssen!“

Mann: „Wenn das so weiter geht, verliere ich jeglichen Scham und werde grenzenlos….“

Frau: „Das ist bei mir schon längst passiert! Nimm mich.“

Ich weiß nicht wie es euch geht aber mit etwas Vorstellungskraft stelle ich mir diese Art von Konsensherstellung sehr sexy vor. Überhaupt nicht mechanisch und vor allem auch einfach antörnend. Natürlich bleibt hier, wie bei der aktuellen Gesetzlage, das gleiche Problem der Beweisbarkeit. Hat so ein Dialog nun statt gefunden oder nicht? Doch nur weil ein Gesetz schwierig zu kontrollieren ist, verbietet uns niemand es zu erlassen! Man denke an den aktuellen Vergewaltigungsparagraphen, bzw. die geplanten Veränderungen. Dennoch könnte ein Partner in diesem Fall vor Gericht behaupten, dass niemals auf diese oder ähnliche Art und Weise Konsens hergestellt wurde. Aber wie ich in der Diskussion mit Arne bereits sagte, hat ein Gesetz ja auch eine Signalwirkung.

Wie also lösen wir das Dilemma? Stellen wir uns die folgende, rollenneutrale Weiterführung des Dialogs vor (Dem Leser sei der Zeitpunkt in seiner Vorstellung überlassen).

Person x: „Ich genieße es dir so nah und intim sein zu dürfen. Das finde ich etwas sehr wertvolles. Deshalb möchte ich diese Intimität auch schützen. Ich kann mir nicht sicher sein, ob du dich in Momenten körperlicher Nähe wirklich wohl fühlst und weiter gehen möchtest.“

Person y: „Danke, dass du meine Würde so respektierst und wertschätzt. Umgekehrt geht es mir bei dir genau so!“

Person x: „Dennoch würde ich gerne auch mal einen Kick im Schlafzimmer haben und versuchen zu dich zu verführen, wenn du dich rar machst und zurück ziehst.“

Person y: „Oh, das ist spannend, durch die Ungewissheit entstünde ja noch mal ein ganz anderer Reiz!“

Person x: „Auf jeden Fall. Doch ich kann nicht wissen, wenn du NEIN sagst, ob du dich bedrängt fühlst, wenn ich weiter mache oder ob du nur spielen wolltest. Es macht mir Sorgen somit aus Versehen deine Grenzen zu überschreiten.“

Person y: „Das kann ich verstehen, ist aber ein lösbares Problem. Ich gebe dir hiermit bis ich es mir anders überlege meinen Konsens die Initiative zu ergreifen und auch Mal eine ablehnende Geste von mir zu übergehen, allerdings nehme ich mir das Recht heraus das Signalwort MAYDAY oder SOS zu verwenden. Damit kann ich dir signalisieren, dass es für mich gerade nicht angenehm ist und ich mir wünsche, dass du aufhörst.“

Person x: „Das finde ich eine gute Idee und umgekehrt können wir das gerne genauso machen. Was hälst du davon, wenn wir auf unseren Nachttischen jeweils ein Ampelsystem aus Kärtchen oder farbigen Gegenständen aufbauen. Durch Grün signalisieren wir, dass alles ok ist. Rot heißt ‚heute mag ich meinen Abstand‘ und Gelb bedeutet ‚Du darfst dir gerne Mühe geben und bei Erfolg bin ich dabei.‘ Wichtig ist, dass gerade bei Gelb aber auch bei Grün unser Signalwort immer noch gilt.“

Person y: „Das ist ein toller Vorschlag und gibt mir ein gutes Gefühl. So können wir mit allen Facetten der Ablehnung spielen und können gleichzeitig darauf vertrauen, dass wir uns sicher und wertgeschätzt fühlen. Ich weiß deine einfühlsame Art echt zu schätzen und die macht mich heiß. Ich glaube ich stelle schon mal die grüne Karte auf…“

Zack! War doch gar nicht so schwer. Vielleicht waren die Dialoge etwas überspitzt und gekünstelt. Aber sie sind sicher machbar. Die kann man, wenn man schon über das gute Gefühl spricht auch aufzeichnen oder schriftlich fest halten. Aber genau diese Bürokratisierung finden viele ja abschreckend. Dabei verstehe ich das nicht. Wieso fällt es uns als Gesellschaft so schwierig, eine derartige Art von Vereinbarung zu verlangen, wenn 2 Menschen sich begegnen wollen? Wir haben in Deutschland jeden Quatsch durch Gesetze, Vorschriften und schriftliche Verträge geregelt. Aber das Einvernehmen darüber, ob jemand in die eigene Intimsphäre eintreten darf, da verlassen wir uns auf Gewalt als Zeichen der Ablehnung bzw. ausbleibende Gewalt als Zeichen der Zustimmung. Es wäre in vielen Fällen ein leichtes zu überprüfen, in wie fern in einer Beziehung oder bei einem sexuellen Kontakt Konsens explizit hergestellt wurde. Offensichtlich geht es dabei auch nicht darum auf irgend eine Art und Weise das Wort JA zu erzwingen. Wer jetzt sagt, dass wir damit die Unschuldsvermutung aufgeben, dem sage ich, dass dem nicht so ist. Hier wird niemand unter Generalverdacht gestellt. Nur bevor man den Beischlaf durchführt wird man eben in die Verantwortung genommen, sicher zu gehen, dass es für alle beteiligten OK und gewünscht ist!

Und warum ist das nun wichtig? Nehmen wir mal wieder mich als Beispiel.

Als ich damals einen sexuellen Übergriff erlebte war sehr offensichtlich, dass kein Konsens gegeben war. In einem schriftlichen Geständnis, welches meine Ex-Freundin verfasste, räumte sie ein, dass ihr bewusst war, dass kein Konsens herrschte. Sie verfasste das Geständnis übrigens als ich auf Grund des Übergriffes in eine Psychiatrie kam und mir dort zu nächst niemand zu glauben schien. Diesen verantwortungsvollen und mutigen Schritt rechne ich ihr trotz der Tat hoch an und ist für mich mehr Wiedergutmachung, als ich durch eine Anzeige erreichen könnte. Ich war zum Zeitpunkt des Übergriffes zwar freiwillig in der Wohnung meiner Ex-Partnerin, doch von meiner Seite aus war die Beziehung seit über 3 Monaten beendet. In dem Moment wo es passiert ist, war ich in einer Schockstarre und konnte mich nicht wehren und auch nichts sagen, da ich Angst hatte.

Seit 2 Jahren leide ich nun unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die in der Reha von der ich gerade nach Hause fahre noch ein Mal erneut diagnostiziert wurde. Ich habe Existenzängste und meine vorher gut laufende Promotion ist gefährdet. Alle Symptome einer Vergewaltigung haben zeitnah eingesetzt. Auch wenn ich an einer Anzeige, wegen des damals für mich sehr hilfreichen Geständnisses nicht interessiert bin, finde ich es bemerkenswert, dass meine Ex-Freundin trotz des Geständnisses und der Tatsache, dass sie mit vollem Bewusstsein und Absicht meine Grenzen überschritten hat mit der aktuellen Gesetzeslage vermutlich sowieso frei gesprochen werden würde, da ich mich nicht aktiv gewehrt habe. Als Opfer bin ich somit auch nicht gesellschaftlich anerkannt. Das könnte man erneut als einen Tritt gegen meine Würde interpretieren. Ob ich, wenn sich meine Posttraumatische Belastungsstörung verschlimmert und meine Erwerbsfähigkeit gefährdet ist, eine Opferrente erhalten würde ist fragwürdig. Auch der Sozialfonds sexuellen Missbrauchs würde wohl kaum greifen.

Schade eigentlich, dass wir als Gesellschaft so respekt- und würdelos mit Menschen umgehen, die auf Grund eines sexuellen Übergriffes eh schon genug leiden. Und schade, dass wir den vielen Opfern, die ähnliches wie ich erlebt haben nicht ein Mal zuhören. Das Hauptproblem fängt aber meiner Meinung nach da an, wo Menschen glauben, dass es ok ist mit anderen Menschen zu schlafen, ohne vorher expliziten Konsens sicher gestellt zu haben, denn diese Einstellung und Handlungen führen überhaupt erst zu solchen Traumata.

Gewalt durch Sexismus und Geschlechtrrollen

Junge oder Mädchen?
Junge oder Mädchen?

Wer ist Mädchen, wer ein Junge?

Zu dieser Frage Welches Foto einen Jungen und welches ein Mädchen zeigt, wird es am Ende des Artikels noch einen Hinweis geben. Die Tatsache, dass die Antworten von ca. 20 befragten Menschen ein klares Unentschieden auf diese Frage liefern, ist genau der wesentliche Punkt des Folgenden Artikels, der untermaueren soll, dass unsere Gesellschaft ein Sexismusproblem hat, welches sich in anerzogenen Geschlechterrollen ausdrückt.

Ich erwähnte, dass ich in der Reha jeden morgen mit meinem Tischnachbarn laufen gehe. Da er ca. 20 Jahre älter ist als ich benötigt er trotz seiner sportlichen Ader auf unserer 4 Kilometer langen Runde doch die ein oder andere Pause.

Gestern ist jedoch eine Frau in seinem Alter mitgekommen. Bereits im Vorfeld hatte er große Sorgen geäußert, dass er fitter werden muss, weil in der Klinik schon bekannt war, dass die Frau recht sportlich sei. Obwohl sie an einer sehr steilen Stelle – an der mein Partner bisher immer spaziert ist – auch das joggen unterbrochen hat, ist er dieses Mal durch gelaufen und hat auch sonst keine einzige Pause eingelegt.

Heute morgen waren mein Laufbuddy und ich wieder alleine und er hat wie gewöhnlich Pausen eingelegt. Ich sprach ihn darauf an, dass ich es beeindruckend finde, wie scheinbar die Anwesenheit einer Frau in ihm ganz andere Kräfte weckte. Er bestätigte mir, dass man(n) sich als Mann vor einer Frau ja nicht die Blöße geben könne und schlapp machen oder schwäche zeigen kann. Weitere männliche Bekannte bestätigten mir im Laufe des Tages, dass sie das ähnlich sehen würden und es auch an ihrem Ego kratzen würde, wenn eine Frau beim Sport besser wäre als sie. Leider konnte mir auf meine Nachfrage niemand so genau erklären warum das eigentlich so ist!

Diese Sichtweise ist für mich sehr erschreckend. Ein gesellschaftlich weit verbreitetes und anerlerntes Rollenbild führt dazu, dass gleich mehrere Menschen hierdurch auf verschiedene Art und Weisen leiden.

  1. Mein Laufpartner nimmt die Erschöpfung und körperlichen Schmerzen an seiner linken Wade in Kauf, da dieses Leiden ihm scheinbar geringer erscheint, als der für ihn erlebte Scham, der durch dieses erlernte Rollenbild kommt.
  2. Die Mitläuferin fühlt sich vielleicht schlecht, weil sie als einzige schwächelt und die Gruppe aufhält. Vielleicht denkt sie auch, dass die Frau wieder mal nicht stark genug war, um mitzuhalten und Teil zu haben.
  3. Frauen im Allgemeinen leiden unter Aktionen wie dieser, da sie verkörpern, dass Frauen den schwächeren und unterlegenen Teil der Gesellschaft darstellen würden.
  4. Wie in einigen anderen Artikel von mir dargelegt leiden aber auch wir Männer dadurch. Denn dieses Rollenverständnis erlaubt Männern auch nicht häusliche Gewalt zu erfahren oder eben Opfer zu sein.

Die Fotos am Eingang des Artikels sind ein weiteres Beispiel dafür, dass solche Rollenbilder, die zu sehr viel struktureller Gewalt führen (können), von klein auf anerzogen werden (müssen). Ich kann den beiden Kindern kein Geschlecht zuordnen, wenn ich nur das Gesicht ohne Frisur und äußere Merkmale achte. So geht es auch den anderen Menschen, die ich gefragt habe. Zwar geben die meisten einen Tipp ab, doch die Ergebnisse sind recht unterschiedlich.

Zeige ich aber das folgende Bild aus dem ich die Gesichter ausgeschnitten habe, so gibt es keine Diskussion mehr sondern ein eindeutiges Ergebnis:

Vom Gesicht kaum zu entscheiden wer hier Junge wer hier Mädchen ist. Vom Kleidungsstil eindeutig! Rechts sehen wir: Die junge Dame mit der Handtasche! Doch wo steckt die Gewalt in diesem Bild?

Was ist auf ein Mal anders geworden? Was hat geholfen diese Entscheidung nun einfacher zu treffen? Menschen treffen nun eine Entscheidung auf Grund der Frisur, der Klamotten, Farben, Accessoires und vielleicht sogar der bereits erlernten oder bewusst positionierten Körperhaltung. Alles Sachen, die von außen anerzogen angezogen werden. Meine Schwester hat ihrer neu geborenen Tochter anfangs gerne mal blaue Strampler angezogen und die Kommentare von fremden Menschen auf der Straße waren: „Och ist das ein süßer Junge!“

Ich weiß übrigens nur, dass auf dem Foto ein Junge und ein Mädchen ist. Wer was ist, weiß ich nicht und es ist mir auch egal. Wir sollten weiter daran arbeiten unsere Geschlechterrollen und gewaltvollen Erwartungen die daran gekoppelt sind endlich ein Mal aufzulösen.

Ein NEIN ist ein JA zu DIR SELBST! Gewalt unterbinden durch Grenzen mit Selbstwert!

Gewalt ist ein Arschloch! Nicht nur findet ein Konsensbruch zu einem Nein statt. Nein, sie sorg auch dafür, dass man immer weniger Nein sagen und keine vernünftige Grenze ziehen kann. So dass sich die Gewalterfahrungen im Zweifel erhöhen. Dabei wäre genau das Nein und die Grenze so wichtig, um sich vor weiterer Gewalt zu schützen.

Eine Grenze ist etwas ganz wertvolles!

Ein NEIN ist ein JA zu DIR SELBST.

Diesen sehr klugen Satz hat eine – mir unbekannte – Person ein Mal gesagt. Er ist durch Mund zu Mund Propaganda bis zu mir durchgedrungen. Ich habe tolle Erfahrungen mit ihm gemacht. In vielen Situationen habe ich es mittlerweile geschafft ein Nein hervor zu bringen und das hat mir sehr gut getan.

Das Problem ist nur, dass Gewalterfahrungen am Selbstwert zehren. Und Selbstwert ist nun ein Mal von essentieller Bedeutung, um ein Nein hervorzubringen. Denn eine Nein ist halt einfach ein Ja zu dir selbst. Wenn du dir es nicht wert bis ein Nein zu sagen, dann hast du schon verloren, dann gibt es plötzlich keine Erfolge mehr. Deswegen ist der Selbstwert eine der wichtigsten Zutaten, der wieder aufgebaut werden muss, wenn du häusliche oder sexuelle Gewalt erfahren hast.

Nachdem ich auf Grund eines Übergriffes in die Psychiatrie kam und mich zunächst fragte, warum ich jetzt eigentlich geisteskrank bin, da meine Täterin doch eigentlich die jenige ist, die meine Grenzen nicht achten konnte, war ich nach einigen Tagen in der Sporttherapie und verstand durch das folgende Ereignis sehr schnell, dass ich tatsächlich durch die Gewalterfahrungen krank geworden bin.

Wir sollten Fangen spielen mit einer Sonderregel. Wenn uns jemand fangen wollte konnten wir spontan einen Tiernamen sagen und waren dann immun und der Fänger musste sich ein neues Opfer suchen. Ich verstand den Sinn zunächst nicht aber jedes mal, wenn mich jemand fangen wollte, sagte ich belustigt einen Tiernamen und ließ mich einfach nicht fangen. Die Regel wurde ausgetauscht, in dem wir Hullahup Reifen auf dem Boden verteilten und in diese eintreten konnten. Innerhalb des Reifen waren wir auch immun. Immer noch war dieses Spiel für mich sehr einfach. Doch dann wurde die Regel erneut geändert. Diesmal reichte ein Nein! oder ein Stop!. Sobald man das sagte, wenn der Angreifer gerade da war konnte man nicht mehr gefangen werden und war geschützt. Der Reihe nach brachen Patienten inkl. mir zusammen. Ich ließ mich einfach fangen bzw. weinte heimlich. Ich hatte in der Tat verlernt eine Grenze zu ziehen und ein simples Nein über die Lippen zu bringen.

Auf Grund dieser Erlebnisse wurde mir Soziales Kompetenztraining verschrieben, wo es ganz klar darum ging Beziehungen zu gestalten, Bedürfnisse zu äußern und diese dann, wenn sie denn berechtigt und sozial akzeptiert sind, auch durchzusetzen. Eine andere Dimension war es Wünsche von anderen abzulehnen und Grenzen zu ziehen. In dem Training wurde der Satz: „Ein Nein ist ein Ja zu dir selbst nicht.“ nicht explizit genannt, aber er hätte wahnsinnig gut dort hin gepasst.

Seit 1 1/2 Jahren übe ich nun Grenzen zu ziehen, Nein zu sagen und meine Selbstwert zu erhöhen. Ich dachte eigentlich, dass ich darin schon recht gut geworden bin. Auch in der Reha habe ich schon einige Patienten getroffen, die damit noch deutlich mehr Probleme haben als ich. Dennoch merke ich, dass mir jedes Mal erneut die Tränen kommen, wenn ich nur über den Satz: „Ein Nein ist ein ja zu dir selbst“ nachdenke oder wenn ich sehe, dass jemand noch nicht in der Lage ist sein Nein durchzusetzen. Das sind für mich sozusagen wahre Trigger. Denn das Wort Nein ist mittlerweile zu einem der wichtigsten Worte in meinem Sprachgebraucht geworden.

Selbstwert steigern zur Heilung einer Posttraumatischen Belastungsstörung mit Rene gönnt sich!

Ich bin gerade in Reha und meiner Erwartunghaltungen wurden zunächst nicht erfüllt. Ich dachte, hier geht es stark um Traumakonfrontation in einem geschützten Raum mit viel EMDR und Integration. Bereits am ersten Tag erfuhr ich, dass das hier gar nicht passieren soll, sondern dass hier primär stabilisiert wird. Ich ging in mich und fragte mich, was ich jetzt daraus ziehen könnte. Fühlte ich mich doch durch meine konsequente Arbeit der letzten 1 ½ Jahre bereits recht stabil.

Ich stellte fest, dass mein Selbstwert, den ich mir in der Psychiatrie und auch danach so mühsam aufgebaut hatte in einzelnen Teilen in den vergangen Wochen und Monaten flöten gegangen ist und dass das auch zu mehr Symptomen führte. Also beschloss ich mir mehr Selbstwert zu geben, in dem ich hier viel lesen würde. Ich las im ABC der Gefühle über Angst eine Emotion, die ich recht gut kenne. Ärger, eine Emotion, die ich durch meine vermehrte Achtsamkeit immer häufiger spüre und Eigensinn, als etwas das nah am Selbstwert uns Menschen schützt.

Ich stellte folgenden Zusammenhang fest: Angst produziert Ärger (über die Angst). Ärger führt zu Selbstabwertung, die den Selbstwert angreift. Fehlender Selbstwert schürt die Angst, weil man ja eben Angst mit Trost und (Selbst)liebe begegnen kann. Um hier also stabiler zu werden schien es mir plausible an meinem Selbstwert zu arbeiten. Den kann ich mir ja selbst geben in dem ich mir zum Beispiel mal ordentlich gönne. Das habe ich als Ziel neben mehr Achtsamkeit üben mit den Therapeuten besprochen, die darauf hin meine Reha erst mal um eine Woche verlängert haben, weil sie meinten, wenn man so gute Ziele hat, sollte man sich besser nicht direkt überfordern, sondern sich seinen Raum nehmen.

Somit bin ich jetzt an den Punkt gekommen mir hier mit viel Achtsamkeit und ganz bewusst zu gönnen. Das heißt insbesondere wieder mehr Sachen zu tun, die mir gut tun! Aber auch darauf zu achten, dass ich sie mir so angewöhne, dass ich sie in meinen Alltag übernehmen kann. Angefangen hat das zum Beispiel mit dem morgendlichen Joggen und einer Wandertour am Wochenende im Paradies in Bad Wildungen oder auch einer viel ausgewogeneren Ernährung.

Da ich mir kurz vor der Reha ein neues Spielzeug – nämlich eine Legria – zugelegt habe, kam ich auf die Idee, meine selbstwertsteigernden Sachen mit anderen Menschen zu teilen, weil es ja vielleicht inspirierend sein könnte, somit könnt ihr euch auch direkt 2 Videos zu den Aktivitäten anschauen, von denen ich gerade geschrieben habe:

Ich stelle diese Aktivitäten auch in den Kontext von (Konsum)schulden. Das hat 2 Gründe. Erstens ist Selbstwert steigern und sich in diesem Sinne gönnen eine Sache, die kein Geld kostet. Außerdem habe ich beobachtet, dass Verschuldung eine hohe Korrelation mit psychischen Erkrankungen zu haben scheint. Und diesen wird ja eben oft durch den Aufbau des Selbstwertes begegnet. Ähnlich kann ich mir vorstellen, dass ein besserer Selbstwert auch eine gut Säule im Kampf gegen die Verschuldung ist. Es erscheint mir also sinnvoll mein Wissen, was ich gerade erlerne, kräftige und stärke direkt auf dem Youtube Kanal von meiner Freundin und mir unter der Playliste Selbstwert steigern mit Rene gönnt sich zu veröffentlichen. Eine Sache die mir letztlich auch einfach Spaß macht und somit auch zu meinem Selbstwert beiträgt.

Etappensieg bei Diskriminierung durch Staatsgewalt: Eine Kontrolle in Anknüpfung an die Hautfarbe sei unzulässig.

Ich war gestern als Zeuge vor dem Oberverwaltungsgericht wegen der folgenden Angelegenheit: Eine dunkelhäutige, deutsche Familie wurde am 25.1.2014 in einem Zug von Bingen nach Koblenz kontrolliert und es fand ein Abgleich der Ausweispapiere mit den Polizeidatenbanken statt. Auf die Nachfrage der Familie, warum ausgerechnet diese kontrolliert wurde, gaben die Polizeibeamten an, dass in dem Zug stichprobenartig noch weitere Passagiere untersucht werden. Dazu ist es jedoch nie gekommen. Die Familie empfand dieses Verhalten der Polizisten als einen Verstoß gegen Artikel 3 des Grundgesetzes (Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich), klagte und bekam Recht. Da die Pressemitteilung zum Urteil (Aktenzeichen: 7 A 11108/14.OVG) ziemlich kompliziert zu lesen ist und ich dabei war, möchte ich erklären, was genau passiert ist. In dem Fall geht es zwar nicht um häusliche Gewalt. Da ich mich in diesem Blog auch für die Umsetzung von Artikel 3 des Grundgesetzes stark mache, habe ich mich entschieden, dass meine Erlebnisse hier thematisch passen.

Der Artikel ist in die folgenden 6 Abschnitte gegliedert. Zunächst berichte ich nochmal, was ich am 25. Januar beobachtet habe. Anschließend erzähle ich von meinen gescheiterten Versuchen, das Videomaterial des Zuges als Beweismaterial sicher zu stellen und eine Anzeige bei der Polizei zu stellen. Ich berichte dann was ich vor Gericht erlebt habe und wieso meine Zivilcourage und Dienstaufsichtsbeschwerde wohl von entscheidender Bedeutung war. Anschließend versuche ich (als nicht Jurist!) das Urteil einzuordnen und möchte schlussendlich noch meine eigene Bewertung und Gedanken dazu teilen.

Was habe ich am 25. Januar beobachtet?

Am einfachsten ist es wohl, wenn ich meine Dienstaufsichtsbeschwerde, die ich bei der Polizei am 27. Januar gestellt habe noch ein Mal hier mit der Öffentlichkeit teile:

Sehr geehrter Herr Weber,

im folgenden möchte ich mich gerne über das diskriminierende Verhalten von zwei Polizeistreifen am 25.1.2014 beschweren.

1. Fall:

Ich bin am 25.1.2014 um 12:16 in Bingen am Rhein in die Mittelrheinbahn MRB25326 gestiegen. Dort hat eine Polizeistreife eine dunkelhäutige Familie nach ihren Ausweispapieren gefragt.

Die Familie ist dem Wunsch der Polizei direkt nachgekommen hat jedoch gefragt, warum gerade sie überprüft wird. Als Antwort entgegnete einer der Beamten, dass es sich um Routineuntersuchungen im Zug handeln würde und dass stichprobenartig auch noch andere Passagiere untersucht werden.

Hierzu ist es jedoch nie gekommen. Die Polizeistreife hat noch ca. 5 Minuten im Zug gestanden und ist um 12:25 in Niederheimbach ausgestiegen.

Ich empfand diese Situation als äußerst ungerecht, diskriminierend und unverhältnismäßig.

2. Fall:

Bei der Ankunft in Koblenz im selben Zug am 25.1.2014 um 13:08 stieg eine weitere Polizeistreife ein. Die Familie erkundigte sich bei der Polizeistreife, ob das Vorgefallene und Erlebte normal sei und bei wem man sich beschweren könnte.

Anstatt Auskunft zu geben (z.B. darüber, dass eine Dienstaufsichtsbeschwerde bei Ihnen – also dem Polizeipräsidenten – eingelegt werden könnte) war die Polizeistreife in Koblenz wenig hilfreich. Das Erlebte wurde herunter gespielt. Erst als ich mich in das Gespräch einbrachte und bestätigte, dass das Vorangegangene und von mir beobachtete Verhalten in der Tat sehr fragwürdig war, wurde das Wort gehört.

Dennoch war die Reaktion, dass man nun in Koblenz sei und nichts machen könne, weil es ja vermutlich eine Streife vom Mainzer Präsidium war und man dort einmal anrufen könnte.

Während die Familie meine Kontaktdaten als potentieller Zeuge entgegen genommen haben, ist die Koblenzer Polizeistreife wieder verschwunden. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie die Verabschiedung statt gefunden hat.

Auch in diesem Fall erschien mir das Verhalten Ihrer Mitarbeiter nicht korrekt.

Leider habe ich mich selbst in der Situation nicht gut verhalten und habe keine Dienstnummern Ihrer Mitarbeiter erfragt. Mir wurde das Ausmaß der Situation auch erst im Laufe des Tages voll und ganz bewusst.

Bei einer gestrigen Zugfahrt habe ich erfahren, dass es Videoüberwachungen in der Mittelrheinbahn gibt. Vielleicht kann eine Videoaufzeichnung helfen, den Sachverhalt (ausschliesslich die dunkelhäutige Familie wurde untersucht) festzustellen.

Mit freundlichen Grüßen Rene Pickhardt

Wie habe ich reagiert und wie bin ich gescheitert?

Während der Kontrolle habe ich also gar nicht reagiert, außer dass ich etwas achtsamer wurde. Insbesondere war ich neugierig, ob die Polizisten ihrer Aussage nachkommen würden und tatsächlich noch andere Passagiere untersuchen. Nachdem ich am nächsten Tag erneut mit der Mittelrheinbahn gefahren bin habe ich mich beim Zugpersonal nach den Videoaufzeichnungen informiert. Mir wurde mitgeteilt, dass diese innerhalb von 48 Stunden gelöscht werden es sei denn die Polizei fragt diese an.

Ich erkannte das Dilemma. Würde die Polizei bei einer Klage gegen die Polizei ihre Macht nutzen und die Beweismittel sicher stellen? Ich erkundigte mich auf der Webseite der Polizei und in diversen Webforen was zu tun ist. Am Vormittag des 27.1.2014 rief ich mehrfach (ich erinnere mich nicht mehr an die Anzahl) bei diversen Polizeistellen und auch noch ein Mal bei der Betreibergesellschaft der Mittelrheinbahn an. Die Polizeistellen verwiesen darauf, dass man einen richterlichen Beschluss bräuchte, um das Videomaterial sicher zu stellen und dieser sicherlich nicht innerhalb von 48 Stunden zu bekommen sei. Mein einziger Weg dahin sei eine Dienstaufsichtsbeschwerde, die aber sicherlich nicht so schnell behandelt werden würde, dass die Video-Aufzeichnungen noch sicher gestellt werden können. Die Betreibergesellschaft betonte hingegen, dass auf Grund von Datenschutz und Privatsphäre das Videoband nur sicher gestellt werden könne, wenn die Polizei danach fragt. Auch auf meine Aussage, dass es hier eben um ein potentielles Verbrechen der Polizei ginge und die Polizei sich im Moment nicht kooperativ zeigt, wurde nicht weiter eingegangen.

Ich gab auf, stellte aber – ohne die Hoffnung, dass es noch etwas helfen würde – die Dienstaufsichtsbeschwerde beim Polizeipräsidenten. Auf die Mail bekam ich erst Tage später eine Antwort, dass sie sogar an die falsche Adresse geschickt gewesen sei – obwohl ich diese exakt so am Telefon im Gespräch mit der Polizei erfragt hatte. Die Beschwerde sei nun weiter geleitet worden und ich hörte nie wieder etwas davon.

Randnotizen:

  1. Wofür haben wir eigentlich Videoüberwachung, wenn die Bänder so schnell gelöscht werden, dass man nie dran kommt?
  2. Ich erwog auch bei der Polizei zu lügen und zu behaupten ich hätte eine Messerstecherei oder einen Raubüberfall in dem Zug gesehen, um dieses blöde Videoband sicher zu stellen. Jedoch hatte ich die Vermutung, dass ich neben dem Band auch eine Menge Ärger bekommen würde und ich hatte einfach nicht den Mut, für diese vermeintliche Notlüge.

Was ist vor Gericht passiert?

Der Fall wurde zu einer Art Politikum. Auf ein Mal war die Frage wichtig, ob die Polizisten die Familie zu erst auf Englisch oder Deutsch angesprochen haben, weil man dann davon ausgehen könnte dass sie Touristen sein, die evt. ihr Visum überstrapazieren. Auch wurde gerätselt ob direkt nach den Ausweisdokumenten gefragt wurde oder ob es erst noch eine leichtere Form der Befragung gab. Seitens der Verteidigung wurden Lagekenntnisse und statistische Daten der Polizei über Flüchtlingsströme herbeigeführt, die den Beamten implizit eine nahezu an James Bond erinnernde Kompetenz zusprachen.

Die Verteidigung in Form von Professor Dr. irgendwem (sorry ich habe den Namen vergessen, weil er ja auch der Verteidigung unwichtig zu sein schien, wenn man sich hinter Titeln verstecken musste) probierte sowohl in meiner Befragung mir Worte in den Mund zu legen („Herr Pickhardt Sie dachten doch auch, dass es sich um Touristen handelt…“), als auch anschließend in deren Plädoyer. Außerdem wurde meine Einschätzung, dass die Polizisten eine Weile im Zug standen und locker noch 1 oder 2 Befragungen hätten durchführen können diskreditiert. Ich bin beeindruckt, dass man als Anwalt vor Gericht so eiskalt lügen und manipulieren darf.

Was irgendwie kaum passierte ist, dass außer Seitens der Familie jemand mal das Wort Rassismus in den Mund nahm. Selbst ich kam bei meiner Befragung nicht wirklich dazu. Dabei war das doch genau das worum es eigentlich ging.

Warum meine Zivilcourage wichtig war!

In meiner Befragung musste ich auf viele Detailfragen antworten, dass ich mich nicht mehre erinnern kann. Wie auch nach 2 Jahren. Was das Gericht aber überzeugt hat- so wurde mir das zumindest von Seiten der Anwälte erklärt – ist die Tatsache, dass ich völlig unabhängig, der Sache nachgegangen bin, es ein schriftliches Dokument über meine Beschwerde gab und das Videomaterial nicht gesichert worden ist – was auf Wunsch der Polizei einen Anruf und ohne richterlichen Beschluss geht. Meine Rolle als dritter beobachtender, der die Situation auch so stark diskriminierend eingeschätzt hat, dass er aktiv wurde hat die Verteidigungsversuche der Beklagten diskreditiert. Entsprechend bin ich auch heilfroh, dass ich die Videomaterialen nicht unter einem Vorwand sicher gestellt habe.

Einordnung des Urteils.

Das Ganze schien auch komplex, weil hier Europarecht, Polizeirecht und das Grundgesetz mit gewissen Inkonsistenzen aufeinander prallten. Ich erinnere noch mal an die James Bond artigen Kompetenzen der Polizisten, denen Seiten der Verteidigung also auch eine vollständige Kompetenz über die Abwägung dieser rechtlichen Fragen hinsichtlich ihrer Entscheidung die Familie zu untersuchen zugesprochen wurde.

Letztlich hat das Gericht jedoch ganz klar folgendes festgestellt (Quelle):

Bei Würdigung des gesamten Sachverhalts […] habe der […] Senat nicht die Überzeugung gewinnen können, dass die Hautfarbe der Kläger für ihre Kontrolle nicht zumindest ein mitentscheidendes Kriterium gewesen sei.

und etwas später:

Eine Auswahl der Personen bei Kontrollen zur Unterbindung unerlaubter Einreisen, für die die Hautfarbe der Personen das alleinige oder zumindest ein ausschlaggebendes Kriterium sei, verstoße nach der Rechtsprechung des Senats gegen das Diskriminierungsverbot des Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG.

Auf gut Deutsch heißt das jetzt wohl: Wir wissen zwar nicht so genau, warum die Familie untersucht wurde, ABER: Wenn eine Polizeistreife im Zug eine dunkelhäutige Person oder Familie untersucht, muss sie entweder auch noch eine weitere Kontrolle an einer hellhäutigen Familie oder Person durchführen oder aber in dem Zug müssen mehrere dunkelhäutige Reisende sein, die nicht kontrolliert werden. Nur so ließe sich nämlich sicherstellen, dass die Hautfarbe nicht ein ausschlaggebendes Kriterium sei.

Das ist eine sehr grundsätzliche Aussage im Bezug auf Gleichheit und Antidiskriminierung und die Wichtigkeit von Artikel 3 des Grundgesetzes. Oder um es mit dem Worten des Anwalts der Kläger zu sagen:

Mit diesem Urteil haben wir ein Stück Geschichte geschrieben.

Meine eigene Gedanken dazu

Ich bin sehr froh nicht gelogen zu haben, um das Videoband sicher zu stellen. Die Anwälte der Klägerseite waren in der Pause des Verfahrens zwar zuversichtlich, dass die Familie zwar Recht bekäme, dass die Untersuchung unzulässig sei allerdings wohl kaum, weil es sich um Racial Profiling, sondern eher um irgendwelche Normfehler gehandelt haben müsse. Meine Zeugenaussage und vor allem die aktenkundige Dienstaufsichtsbeschwerde hatten jedoch – so die Aussage der Anwälte – jeglichen Verteidigungsversuch der Polizisten stark diskreditiert, so dass das Gericht auf viel grundsätzlicherer Ebene entscheiden musste bzw. konnte. Ich lerne daraus 2 Dinge: 1.) Ehrlich währt am längsten und 2.) Video Überwachungen sind völlig unnötig.

Bedenklich finde ich jedoch, dass eine Klage der Familie alleine vermutlich nicht eine so grundsätzlich bedeutende Entscheidung ermöglicht hätte und dass meine Beschwerde alleine gar nichts gebracht hätte. Wie oft mag schon etwas ähnliches passiert sein, wo nur einer aktiv wurde und nicht 2 Parteien. Also Leute: Mund auf machen hilft!

Auch die Tatsache, dass die Polizei kollektiv (bewusst oder unbewusst) dazu beigetragen hat, dass Beweismittel nicht sicher gestellt wurden stimmt mich nachdenklich. Auch die Tatsache, dass dieser Punkt nicht wirklich verhandelt wurde und jetzt einfach so als „Kollateralschaden“ bleibt ist für mich befremdlich. Ich meine wer kontrolliert bei aller Gewaltenteilung in unserem Rechtsstaat eigentlich die Polizei?

Ich möchte an dieser Stelle die exzellente Arbeit der beiden Anwälte Sven Adam und Alexander Tischbirek hervorheben. Sven Adams arbeitet bei Fällen wie diesem kostenlos Pro Bono und wirkte auf mich als sei er tief in der Materie. Ihm ging es meiner Meinung nach wirklich um Gerechtigkeit und nicht ums gewinnen. Alexander Tischbirek arbeitet ehrenamtlich für das Büro zur Umsetzung von Gleichbehandlung e.V. wo man auch viele weiterführende Informationen zu dem Fall findet. Auch wenn beide mir sagten, dass meine Zivilcourage wichtig war, möchte ich betonen, die Courage der Kläger Anklage zu erheben und das Engagement der beiden Anwälte in meinen Augen mindestens den gleichen Wert hatten und so zu diesem schönen und gerechten Ergebnis beitragen konnten.

Enam Obi, Rene Pickhardt und William Obi
Selfie mit den Klägern nach der Urteilsverkündung! Strahlende Freude, wenn Gerechtigkeit funktioniert!

Persönlich ist es mir sehr wichtig zu betonen, dass meine Ex-Freundin durch die ich häusliche Gewalt erlebt habe und die in diesem Blog naturgemäß negativ dargestellt wird innerhalb der Beziehung einen starken positiven Einfluss auf mich hatte. Ohne ihre soziale Art, ihren Fokus auf Moral und Ethik sowie ihre Unterstützung in dem konkreten Fall hätte ich wohl nicht probiert das Videomaterial zu sichern und hätte auch keine Dienstaufsichtsbeschwerde geschrieben. Die Familie und die Anwälte auf der Seite der Kläger haben mir nach dem Verfahren mehrfach auf die Schultern geklopft und betont, dass sie meine Zivilcourage beachtlich finden. Auch wenn ich letztlich derjenige war, der es gesehen hat und gehandelt hat, war es doch auch meine Ex-Freundin, die mich über Jahre auf Diskriminierungsprobleme und Fragen der Gerechtigkeit aufmerksam gemacht hat und mir auch in dieser Situation noch ein Mal vor Augen geführt hat, dass hier tatsächlich etwas sehr schief gelaufen ist. Ich wurde oft gefragt, warum ich meine Ex-Freundin nicht angezeigt habe. Es sind ihre sehr soziale Ader und ihr Einsatz für mehr Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft, die mir am meisten helfen ihr zu verzeihen und die mich immer davon abhielten, sie wegen ihrer mangelnden Selbstkontrolle innerhalb unserer Beziehung anzuzeigen. Auch wenn sie mich verletzt hat, glaube ich nicht, dass sie ein böser Mensch ist, der eine Strafe verdient hätte.

Flächendeckende geschlechtssensible Hilfeangebote für Männer, die Opfer von Gewalt geworden sind, sind einzurichten.

Leider konnte ich Anfang März nicht am 25. Opferforum des Weissen Rings teilnehmen. Das war mein Zeil, da es einen Themenschwerpunkt „männliche Opfer von Gewalt“ geben sollte. In einem Kommentar von Tristan Rosenkranz auf meinem Beitrag zum Opferforum wurde ich jetzt auf die Resolution des 25. Operforums des Weissen Rings hingewiesen, von der der Familien und Gewaltschutzblog berichtete. Der letzte Punkt der Resolution sagt:

Aufklärung, Bewusstseinsförderung und Forschung über das Thema Gewalt gegen Männer sind dringend geboten. Flächendeckende geschlechtssensible Hilfeangebote für Männer, die Opfer von Gewalt geworden sind, sind einzurichten.

Ich bin positiv überwältigt davon und unterstütze dieses Statement voll und ganz. Ich habe in diesem Blog mehrfach darauf hingewiesen, dass auf Grund des vorherrschenden Rollenverständnis in unserer Gesellschaft männliche Opfer enorme weitere Belastungen erfahren können. Auch habe ich davon berichtet, wie das deutsche Gesundheitssystem zunächst völlig überfordert war, dass ich als Mann Opfer eines sexuellen Übergriffes durch eine Frau war.

Erst kürzlich habe ich von der Rentenversicherung meine Zusage für die Rehabilitation in der Wicker-Klinik in Bad Wildungen bekommen. Auf der Website fand ich 2 Bereiche, die für mich der Überschrift nach interessant sein dürften:

  1. Fachabteilung für Psychosomatik und Psychotherapie
  2. Fachabteilung für Traumatherapie

Natürlich dachte ich, dass bei einer Post Traumatischen Belastungsstörung auf Grund von häuslicher Gewalt die Fachabteilung für Traumatherapie das Richtige sein müsste. Ich las:

In unserer Fachabteilung behandeln wir hauptsächlich Frauen nach sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt in der Kindheit und Adoleszenz mit folgenden Erkrankungen: […]

Ich wurde skeptisch. Heißt hauptsächlich ausschließlich?

Allen therapeutischen Angeboten liegt ein traumaspezifischer Ansatz zugrunde, der in besonderer Weise die Fähigkeiten und Ressourcen jeder einzelnen Patientin berücksichtigt. Dabei sind alle angebotenen Therapien auf die Stabilisierung und Weiterentwicklung der Patientinnen ausgerichtet.

Ok inhaltlich wäre ein Ressourcen basierter Ansatz etwas, wovon ich sicherlich enorm profitieren könnte. Aber auf dem ersten Link für in der Fachabteilung für Psychosomatik und Psychotherapie wird ja immer von den Patienten und Patientinnen gesprochen.

Die Patientinnen sind in einem eigenen, abgegrenzten Wohnbereich untergebracht. Sie werden von Ärztinnen und Psychotherapeutinnen, Pflegepersonal und Kreativtherapeutinnen betreut, die auf trauma- und frauenspezifische Themen spezialisiert und darin besonders erfahren sind. Sie können sich deshalb besonders gut auf die soziokulturellen, sozialen und persönlichen Lebenswelten der Frauen einstellen.

Gut jetzt haben wir das wohl geklärt. Hauptsächlich heißt in Bad Wildungen wohl ausschließlich. Das fand ich sehr schade und machte mich traurig und frustrierte mich.

Klar kann ich verstehen, dass Frauen nach einem Trauma auf Grund eines sexuellen Übergriffes durch einen Mann erst mal in einer gesonderten Wohngruppe untereinander sein wollen, um sich geschützt zu fühlen. Nachdem ich in die Psychiatrie kam hatte ich Angst und Scham, sobald Frauen in meiner Nähe waren und ich wäre sicherlich zunächst nicht alleine in einen Raum mit einer Frau gegangen.

Doch wo ist mein maßgeschneidertes Hilfsangebot mit Männerspezifischen Themen bzw. das für die anderen männlichen Opfer?

[…] Nach Möglichkeit werden bei uns auch für die krankengymnastischen, sporttherapeutischen und balneophysikalischen Anwendungen ausschließlich weibliche Fachkräfte eingesetzt.

  • Was ist mit männlichen Opfern sexueller Gewalt, die einen männlichen Täter hatten?
  • Oder weibliche Opfer mit weiblichem Täter?
  • Haben die alle in unserer Gesellschaft einfach Pech gehabt?

Ich habe Glück und werde – da ich in meinem Gesundungsprozess mittlerweile recht weit bin – vermutlich auch von dem Angebot der Fachklinik für Psychosomatik und Psychiatrie viel profitieren. An einer anderen Stelle auf der Website steht ja auch, dass sich das Angebot für Frauen von den direkten Therapieangeboten kaum von dem der Fachabteilung für Psychosomatik und Psychiatrie unterscheidet. In dem Sinne wurde und wird mir als Mann auch in unserem Gesundheitssystem, welches ich hier so scharf kritisiere geholfen.

Dennoch existiert immer noch eine stark sexistisch motivierte Diskrepanz, die wir als Gesellschaft hoffentlich auflösen können. Ich bin gespannt, ob der Weisse Ring durch seine Resolution wirklich etwas bewirken kann. Die öffentliche Forderung nach Aufklärung, Bewusstseinsförderung und Forschung über das Thema Gewalt gegen Männer und die Forderung nach flächendeckenden geschlechtssensiblen Hilfsangeboten für männliche Opfer unterstreiche ich jedoch ausdrücklich und begrüße den Schritt des Weissen Rings sehr.

Gewalt in Mert Matans Familie wird toleriert!

Das Web ist gerade voll von der Homophobie von Mert Matans Familie. Mert hatte vor versteckter Kamera behauptet er sei schwul und habe einen Freund, worauf er von seinem Vater eine Ohrfeige gefangen hatte. Das ganze Web echauffiert sich nun über die Schwulenfeindlichkeit der Matans z.B.:

Was mir aber viel zu kurz kommt bei der ganzen Aktion ist Mitgefühl für Mert Matan. Auch wenn es sich um einen leichtsinnigen, unüberdachten und pupertären Streich gehandelt hat, finde ich die gewaltvolle Reaktion seines Vaters hoch problematisch. Unterstrichen wird das Ganze auch noch in dem Statement von Mert Matan. Nachdem er einen Shitstorm im Web erlebt hatte betonte er in diesem, dass seine Familie nicht schwulenfeindlich ist und dass sein Vater bzw. seine Familie schon mal etwas tempramentvoll ist.

Meiner Meinung nach rechtfertigt Mert Martan damit das Handeln und die Schläge seines Vaters. Geht man nach Alice Miller, lässt das Ganze tief blicken. Es liegt die Vermutung nah, dass Mert nicht zum ersten Mal einen Übergriff durch seinen Vater erlebt hat. In dem Video konnte man auch sehen, dass die Mutter sich schützend zwischen die beiden warf.

In seinem Gay Prank Experiment Video weißt Mert darauf hin, dass die Reaktion des Vaters nur geschauspielert war – und dass es diesem nicht leicht gefallen sei, seinen Sohn zu schlagen. Er richtet damit auch zum ersten Mal das Augenmerk auf die Thematik von Gewalt in Familien. Selbst wenn dem so ist und es sich nicht, um eine den Vater schützende Reaktion handelt, untermauert ein solches Script, dass der Familie es als eine natürliche / plausible Reaktion erschien, mit Gewalt zu reagieren.

Ich bin mir nicht sicher, ob Mert Matan dringend Hilfe benötigt? Eine Anzeige seines Vaters bei der Polizei macht vermutlich keinen Sinn, da Mert in dem Gay Prank Experiment Video klar öffentlich sagt, dass sein Vater ja nur geschauspielert hat. Gewalt in Familien ist und bleibt ein Problem in unserer Gesellschaft und auf eine gewisse Art und weise bin ich froh, dass durch Mert Matans aktion dieses Theme (un?)gewollt hoch gekommen ist.

Schulden können auch sehr brutal sein! Deswegen: #unverschuldet

Als ich meine aktuelle Freundin kennen lernte hatte sie Konsumschulden von 10’000 Euro. relativ schnell bermerkte ich, dass mit ihrem Konsumverhalten etwas nicht stimmt und nach ca. 3 Monaten sprach ich sie darauf an. Wir hatten 2 Tage lange viel ernste und sehr emotionale Gespräche. Ich bot ihr meine Hilfe an. Heute kann ich mit Stolz berichten, dass meine Freundin schuldenfrei ist. Sie hat das vor allem erreicht, weil sie ihre innere Einstellung zu Konsum verändert hat und ihre Bedürfnisse überdacht hat. Vor allem war sie sehr konsequent und eisern.

Wir haben uns entschieden über das was wir in der Zeit gelernt haben sprechen zu wollen. Wir wollen Menschen helfen und motivieren, ihre Finanzprobleme auch in den Griff zu bekommen und anzupacken, da wir gesehen haben was die Entschuldung für eine positive Auswirkung auf meine Freundin und unsere Beziehung hatte. In Deutschland sind 6.7 Mio Haushalte überschuldet. Mehr als die Hälfte davon hat weniger als 25 Tausend Euro Schulden. Eine Zahl, die zu großen Mengen an Zinsen führt und die monatliche finanzielle Bealstung der Betroffenen noch erhöht. Es ist aber auch eine Zahl, die sich reduzieren lässt! Schaut und teilt bitte unseren Youtube Kanal #unverschuldet. Auch wenn ihr selbst nicht betroffen seid, so sind es vielleicht ein Teil eurer Freunde oder deren Freunde…

Hier ein emotionales Beispiel Video in dem meine Freundin erzählt, wie es für sie war, mit mir darüber zu reden.