Gewalt gegen Männer: „Du bist doch stärker“ / „Männer sind keine Opfer“

Ich habe häusliche Gewalt gegen mich erlebt und beschreibe im Folgenden einen kleinen Teil der Erlebnisse bzw. die letzte Eskalation. Der Fokus des Artikels soll aber beim Umgang der Gesellschaft mit Gewalt gegen Männern liegen und wie dieser die Gewalterfahrungen für mich noch mehr verstärkt hat. Der Artikel ist dreigeteilt: Er beginnt mit ein paar allgemeinen Beobachtungen und Fakten, leitet draus in einen Teil meiner persönlichen Erfahrungen über, die gegen Ende stark emotional werden. Zum Schluss ziehe ich ein Fazit und habe noch ein Paar Tipps für andere Opfer und Betroffene.

Fakt: Es gibt Gewalt gegen Männer.
Eine Pilotstudie im Auftrag des Bundesministeriums für Soziales zeigt auf, dass Gewalt gegen Männer wohl zu existieren scheint. Ich habe die Studie so verstanden, dass die Konsequenzen der Gewalt für Männer zum Teil noch drastischer sind als für Frauen, da in der Gesellschaft ein Mann gleich zum „Weichei“ wird, wenn er (häusliche) Gewalt erfahren musste. Die Studie beschreibt auch ein starkes Stigma, dass mit Gewalt gegen Männer verbunden ist, weswegen es für die Durchführung der Studie wohl schwierig war die nötigen Daten zu erheben. Sucht man im World Wide Web nach Gewalt gegen Männer findet man vereinzelt Männer, die in Foren von Gewalterfahrungen gegen sich oder Kumpels von ihnen berichten, z.b. ausgehend von ihrer Partnerin. Die Reaktionen auf ein männliches Opfer, die ich auf der ersten Seite gelesen habe  empfinde ich als aggressiv bis vorwurfsvoll, z.B.:

aber was ich noch viel schlimmer finde, ist, dass du mit deinen 22 Jahren nicht Manns genug bist und dir das von ihr tagtäglich gefallen lässt!!!!! :schuettel:

Beschwer dich bitte nicht weiter. Du bist letztlich selbst schuld.

Wenn Frauen in demselben Forum davon berichten, dass sie Gewalt erfahren haben, dann finde ich auf der ersten Seite mindestens 4 Antworten, die Mitleid und Mitgefühl bekunden:

Tut mir echt leid für dich, das du dich in den falschen verliebt hast. Das konntest du nicht wissen!!! Mach nicht den Fehler und bleib wegen ein paar schöner erinnerungen bei ihm. Er hat gezeigt, das er dich nicht respektiert und ehrt.

Ich möchte hier auch nach dem Alter differenzieren. Leider ist offensichtlich klar, dass es in unserer Gesellschaft Gewalt gegen Kinder existiert. In diesem Fall scheint erfahrene Gewalt ein deutlich geringeres Stigma zu sein, als bei Gewalt gegen erwachsene Männer. 

via flickr CC-BY-SA by Lloyd Morgan (lloydm)
via flickr CC-BY-SA by Lloyd Morgan (lloydm)

Gewalt hat immer verheerende Wirkung, egal ob gegen Männer, Frauen oder Kinder. Warum also die Differenzierung?
Neben der Gegenüberstellung von oben habe ich am eigenen Leib erfahren, welche massiven Probleme unsere Gesellschaft hat mit männlichen Opfern umzugehen. Oft habe ich mich in diesem Kontext aufgrund meiner Männlichkeit diskriminiert gefühlt. Wegen dieser starken Diskriminierung, die auch meine engsten Freunde in Teilen miterlebt haben, halte ich es für nötig im Speziellen auf die Dynamik bei Gewalt gegen erwachsene Männer einzugehen. Das Ziel meiner Ausführungen ist nicht, Gewalt gegen andere Gruppen damit zu bagatellisieren. Vielmehr geht es mir darum anderen männlichen Opfern ein Forum und Sprachrohr zu bieten. Ich möchte hiermit nicht sagen, dass Männer stärkere Gewalt oder häufiger Gewalt erleben als Frauen oder Kinder. Was ich aber ganz deutlich sagen möchte, ist, dass es für männliche Opfer sicherlich hilfreich wäre, wenn die Türen der meisten Hilfsangebote nicht ausschliesslich für Frauen und Kinder geöffnet wären. Die Tatsache, dass Männer von vielen Hilfsangeboten ausgeschlossen werden, habe ich als eine zusätzliche starke Belastung empfunden. Ich denke, diese Form von struktureller Gewalt könnte männlichen Gewaltopfern recht einfach genommen werden. Einen Schlüssel zum Erfolg könnten wir in unserer Gesellschaft haben, wenn wir besser mit Sexismus umgingen. Daher auch der folgende Absatz:

Sexismus Debatte: Warum Sexismus auch Männer etwas angehen sollte.
Dass in unserer Gesellschaft Sexismus existiert setze ich an dieser Stelle mal als einen traurischen Fakt voraus. Menschen (meistens Frauen) werden in unserer Gesellschaft aufgrund ihres Geschlechtes heutzutage leider immer noch diskriminiert. Auch wenn es noch Baustellen gibt, hat die Frauenbewegung in den letzten Jahren meiner Meinung nach einen exzellenten Job gemacht und den Stand der Frauen in unserer Gesellschaft verbessert. Letztlich ist es jedoch so, dass ich häufig erlebe, wie Männer die Feminismus Bewegung immer noch nicht ernst nehmen. Dabei denke ich, dass die Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes etwas ist, was eben auch Männer betrifft. Selbst wenn dem nicht so wäre sollten Männer die Feminismus Bewegung meiner Meinung nach alleine schon aus Gründen des Respekts, der Menschenwürde und der Nächstenliebe ernst nehmen und unterstützen.

Persönlicher Teil: Ich erwähnte bereits, dass ich mich als Opfer von Gewalt häufig stark aufgrund meines Geschlechtes diskriminiert gefühlt habe.
Es ist mir nicht leicht gefallen, vor mir und vor meinen Freunden, Kollegen oder meiner Familie einzugestehen, dass ich Gewalt in meiner Beziehung erfahren habe. Es ist im Allgemeinen etwas wofür Menschen (Männer wie Frauen) sich schämen und ich habe mich genauso geschämt. Ich trennte mich wegen anhaltender körperlicher Übergriffe und psychischer Gewalt von meiner Freundin. Nach der Trennung spührte ich, wie ich immer noch unter der Gewalt litt und begann in meinem Umfeld darüber zu sprechen. In ca. der Hälfte der Fälle wurde mir mit Ungläubigkeit und Sprüchen begegnet wie: „Das kann doch nicht sein. Du bist doch ein Mann und viel stärker!“ Selbst meine Tränen der Verzweiflung wurden – wenn es in solchen Momenten dazu kam – nicht Ernst genommen. Ich erhielt den Ratschlag mich nicht so anzustellen. Auf meine Überlegungen die Täterin anzuzeigen wurde oft sogar aggressiv reagiert: „Rene das ist total feige, nur weil du damals deinen Mann nicht stehen konntest, da jetzt hinten rum so nachzutreten.“ Nicht selten wurde sogar Druck ausgeübt: „Stell dir mal vor sie kommt wegen deiner Anschuldigungen und Feigheit ins Gefängnis. Damit würdest du ihr Leben zerstören.“ Ich kann von mir sagen, dass diese Form der strukturellen Gewalt, die ich in meiner damaligen Bewertung als „Männer sind keine Opfer“ abgespeichert habe, noch zusätzlich stark an meinem Selbstwert genagt hat. Schließlich habe ich mich als Opfer wahrgenommen und wenn Männer keine Opfer sind, musste ich konsequenter Weise mindestens an meiner Männlichkeit zweifeln. In dem Sinne war der oben verlinkte Forenbeitrag für mich in der damaligen Phase wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht und alles andere als hilfreich. Diese Resonanz aus der Gesellschaft war sicherlich mit Ausschlag gebend dafür, dass ich schließlich in eine so starke Schockstarre verfallen bin, dass ich professionelle psychologische Hilfe gesucht habe.

Die ablehnenden Reaktionen auf meine Gewalterfahrung habe ich jedoch nicht nur in meinem privaten Umfeld erlebt.
Am krassesten ist mir der Verein Contra häusliche Gewalt in Erinnerung geblieben. Dieser Verein bot damals eine Gruppe an, in der Opfer häuslicher Gewalt Unterstützung finden können, um besser mit ihren Erfahrungen umgehen zu können. Auf meine Anfrage, ob ich an diesem Angebot teilnehmen könnte (Schließlich sei meine Täterin ja in selbigem Verein in der Täter Arbeitseinrichtung), wurde ich vertröstet, dass dieses Angebot sich ausschließlich auf weibliche Opfer beschränkt, da nur hierfür die finanziellen Mittel bereit gestellt seien. Zwar wurde mir noch eine Adresse von der Lebenshilfe der Caritas vermittelt, aber auch dort bin ich auf eine ähnliche Argumentation gestoßen. Unabhängig davon, dass ich es sehr begrüßte, dass meine Täterin an einem präventiven Angebot für Täter teilnahm fand ich besonders absurd, dass trotzdem eine Frau bei der Täter Arbeitseinrichtung teilnehmen durfte. Somit wurde sowohl weiblichen Opfern als auch Tätern geholfen, während männliche Opfer erst mal auf der Strecke blieben.
Bei meinen Überlegungen meine Täterin anzuzeigen war ich mehrfach auf der Website der Polizei, die gerade für Opfer häuslicher Gewalt zu vielen Hilfsangeboten verlinkt. Auch in diesem Fall wurde stets von weiblichen Opfern gesprochen. Zum Teil führten die Links auf den mir schon bekannten Verein Contra häusliche Gewalt. Ich fühlte mich im wahrsten Sinne des Wortes hilflos und alleine gelassen.

Emotionaler Teil: Die Eskalation und mein Weg in die Psychiatrie
Als es dann schließlich 3 Monate nach der Trennung, zu einem sexuellen Übergriff auf mich kam und ich in die Schockstarre verfallen bin, in der es mir die Sprache verschlagen hat, wendete ich mich an meinen Freund Heinrich. Ich konnte ihn weder ansehen, noch reden. Weinend schrieb ich auf einen Zettel was mir passiert ist bzw. antwortete auf dem Zettel auf die Nachfragen.

Auf diesem Zettel habe ich mich mitgeteilt, als ich nicht mehr sprechen konnte
Auf diesem Zettel habe ich mich mitgeteilt, als ich nicht mehr sprechen konnte. Man sieht meine Antworten in einem Dialog. Offensichtlich hielt ich mich für schuldig und wollte auch nicht zur Polizei.

Er rief einen Rettungswagen. Ich erinnere mich als wäre es gestern, dass die Sanitäter in die Wohnung kamen, mich sahen und direkt sagten: „Ganz klar, nehmen wir mit!„. Darauf folgte eine ca. 45 minütige Odyssee im Rettungswagen vor der Wohnung von Heinrich. Die Notärztin, die meine Situation sehr ernst nahm fand kein Krankenhaus, das mich behandeln wollte. Sie sagte zu meinem Freund: „Wissen Sie, wir haben für männliche Opfer von sexuellen Übergriffen keinen Prozess in Deutschland.“ Normalerweise würde man in einem solchen Fall zunächst zum Gynäkologen gehen, aber das sei in diesem Fall nicht angesagt. Ich unterstrich den Satz auf der Rückseite meines Zettels der besagte. „Männern wird bei Gewalt nicht geholfen.“ Darauf sagte Heinrich nur resigniert zur Notärztin: „Da hat mein Kollege wohl Recht.“

Mit schwarz habe ich geschrieben als der Rettungswagen da war. Deutlich ist zu sehen, dass ich verzweifelt war, weil ich das Gefühl hatte, das männlichen Opfern nicht geholfen wird
Mit Schwarz habe ich geschrieben, als der Rettungswagen da war. Deutlich ist zu sehen, dass ich verzweifelt war, weil ich das Gefühl hatte, dass männlichen Opfern nicht geholfen wird. Blau war anschließend in der Wohnung von Heinrich, als er nicht glauben konnte, was in dem Moment passiert war.

Nach einem weiteren Tamtam wurde uns angeboten mich ins Bundeswehrzentralkrankenhaus zu bringen. Dort würde man mir aber auch nur eine Beruhigungstablette geben und mich entlassen. Mir wurde nahe gelegt, dass ich unterschreiben sollte, dass ich auf eigene Verantwortung den Rettungswagen von seiner Hilfspflicht (oder was auch immer das war) befreie. Heinrich bestand darauf, dass ich innerhalb von 24 Stunden einen Psychologen oder Psychiater zu sehen bekomme, der die Situation beurteilen könnte. Er betonte mehrfach, dass er mich schon lange kennt und mein Verhalten komplett atypisch sei. Die Ärztin telefonierte erneut und sicherte Heinrich zu, dass wir am nächsten Morgen einen Termin in der Psychiatrie hätten. Ohne seinen Einsatz wäre ich am nächsten Morgen niemals in der Psychiatrie aufgenommen worden, was doch so bitter nötig war.

Fazit: Dieser Artikel hat mich mehrfach zum Weinen gebracht. Gerade der letzte Absatz war für mich äußerst anstrengend. Ich denke er macht deutlich wie dringend es ist, dass wir in Deutschland akzeptieren, dass es auch männliche Opfer von häuslicher Gewalt gibt. Ich möchte nicht wissen, wie vielen Opfern Hilfe verwehrt wurde, weil sie selbst zu schwach oder ohnmächtig waren diese einzufordern und keinen Freund hatten, der für sie gekämpft hat. Mir ist wichtig zu betonen, dass ich natürlich unter massivem Stress stand, als ich die oben zu sehenden Zettel geschrieben habe. Natürlich steckt in der Aussage „Männern wird nicht geholfen :(“ sehr viel Wertung, Verbitterung und Hilflosigkeit. Letztlich wurde mir ja in der Psychiatrie und im Anschluss an meinen stationären Aufenthalt bis zum heutigen Tage sehr gut geholfen und darüber bin ich äußerst dankbar.

An alle Männer ,Frauen und Kinder da draußen, die vielleicht etwas ähnliches erleben oder erlebt haben. Solltet ihr euch in einer ähnlichen Situation befinden, tut euch einen Gefallen geht zu eurem Hausarzt. Beschreibt ihm, was ihr erlebt habt und dass ihr dringend Hilfe benötigt. Wenn ihr nicht darüber reden könnt oder wollt, dann sagt, dass ihr Hilfe aufgrund von Gewalt benötigt und sagt, dass ihr Angst und Scham habt zum jetzigen Zeitpunkt über die Details zu sprechen. Fairerweise bin ich damals nicht auf die Idee gekommen einfach mal zum Arzt zu gehen, weil ich es überhaupt nicht für möglich gehalten habe, aufgrund der Gewalterfahrung psychisch erkrankt zu sein. Ansonsten meldet euch beim Männernotruf oder beim Weißen Ring.

Veröffentlicht von

Rene

Rene hat über mehrere Jahre häusliche Gewalt erlebt. Er will mit diesem Blog dazu beitragen, dass Gewalt in der Gesellschaft, Beziehungen und Familien reduziert wird. Außerdem will er andere Opfer informieren, kennen lernen und sich austauschen. Er führt einen englischen IT Blog und promoviert über natürliche Sprachverarbeitung.

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8 Gedanken zu „Gewalt gegen Männer: „Du bist doch stärker“ / „Männer sind keine Opfer““

  1. Ich bin froh, dass du diese Zeiten überstanden hast. Ich habe bei vielen Berichten von männlichen Opfern gelesen, dass sie mittels K.O. Tropfen vergewaltigt wurden. War das bei dir auch der Fall? Wenn ja hättest du erfolgreich Anzeige erstatten können da K.O. Tropfen im Blut nachweisbar sind.
    Ich finde es schade, dass dieser Blog so wenig Besucher hat. Dabei ist dieses Thema doch heute so wichtig…

    1. Nein keine k.o. Tropfen. Ich habe jedoch ein handschriftliches Geständnis von der Täterin. Ich möchte sie aber gar nicht anzeigen. Erstens gibt es mir gar nichts, wenn sie bestraft werden würde. Davon werde ich keinen Millimeter gesünder. Außerdem scheint relativ klar zu sein, dass sie auf Grund der Gesetzeslage, zumindest was die Vergewaltigung angeht frei gesprochen werden würde… ich mag hier jedoch keine Details des Tathergangs diskutieren von daher führe ich das jetzt nicht weiter aus.

      Was die Bekanntheit des Blogs angeht so wundert mich das gar nicht. Es ist ein tot geschwiegenes Thema also schreibt auch kaum einer drüber bzw. keiner verlinkt den blog. Auch sucht kaum jemand danach. Und wenn versteht Google die Suchbegriffe vermutlich so dass man bei Erfahrungsberichten von Frauen mit männlichen Tätern landet.

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